Zweisprachige Grundschule in Ratibor-Studen aufgelöst

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Wiedereinrichtung nach Protesten in Aussicht

In der im Januar erschienen Ausgabe 1/2010 von AGMO-Intern (vgl. www.agmo.de) blickte die AGMO e.V. zum Jahreswechsel zurück auf die zahlreichen Initiativen zur Stärkung der deutschen Volksgruppe, Bewahrung der deutschen Identität und damit untrennbar verbunden der deutschen Muttersprache. Um die Minderheitenrechte in der Republik Polen ist es der Gesetzeslage nach gut bestellt (polnisches Minderheitengesetz und polnische Bildungsverordnung). In der Realität sieht es leider immer noch anders aus. Deutsche Kindergärten und deutsche Grundschulen (in eigener Verwaltung der deutschen Volksgruppe) sind nicht vorhanden und werden derzeit weder von der deutschen noch von der polnischen Regierung explizit angestrebt. Die gewählten Vertreter der deutschen Volksgruppe halten sich mit einer deutlichen Forderung in der Öffentlichkeit ebenso zurück.

AGMO-Vorstand mit Vorstand des DFK Ratibor-Studen zu Besuch in der zweisprachigen Grundschule bei Direktor Goldmann (1.v.r.)

Positive Signale in 2009 zum Jahresbeginn 2010 stark getrübt

Obwohl es im Jahr 2009 seitens der AGMO e.V. zahlreiche Informationsinitiativen an die Bundeskanzlerin, Minister sowie Abgeordnete gegeben hat, sind in der Angelegenheit der flächendeckenden Kindergärten und Grundschulen die notwendigen Ergebnisse bis heute nicht sichtbar. Zwar wurden im Spätsommer zunächst einige Samstagsschulen im Bezirk Oppeln eingerichtet, um mit der deutschen Sprache zugleich deutsche Identität zu vermitteln (AGMO-Intern 5/2009), und zum Beginn des Schuljahres 2009/2010 wurde in Raschau (Bezirk Oppeln) in privater Trägerschaft des Vereins „Pro Liberis Silesiae“ eine zweisprachige Grundschule mit angeschlossenem Kindergarten eröffnet, so daß die AGMO e.V. über positive Signale berichtete, doch ist die Freude im Januar 2010 schon wieder stark getrübt worden.

Zweisprachige Grundschule in Ratibor-Studen zwischenzeitlich liquidiert

Der DFK-Vorstand in Ratibor-Studen informierte die AGMO e.V. am 25.01.2010, daß die seit einigen Jahren eingerichtete und von der AGMO e.V. mehrfach geförderte zweisprachige Grundschule in Ratibor-Studen plötzlich und unerwartet wieder in eine einfach polnische Schule umgewandelt worden sei, nachdem sich der DFK-Vorstand, die Eltern und auch die Lehrer mehrere Jahre für den Erhalt der örtlichen Grundschule sowie die Einrichtung einer ersten und bislang einzigen zweisprachigen Grundschule im Bezirk Schlesien eingesetzt hatten, sogar durch Eigenleistungen wie Renovierungsarbeiten und Lohnverzicht! Der AGMO e.V. wurde am 25.01.2010 mitgeteilt, daß „der Schuldirektor den Kindern auf einen Appell gesagt hat, daß die zweisprachige Schule schon keine Schule mit zweisprachigen deutsch-polnischen Klassen ist, sondern bloß eine gewöhnliche Grundschule Nr. 5.“

Informationsoffensive der AGMO e.V. über das Ende der Zweisprachigkeit

Der Vorsitzende der AGMO e.V., Dipl.-Ing. Peter Oprzondek, wandte sich nach dem Erhalt weiterer Informationen am 29.01.2010 an Konsul Neudorfer in Oppeln mit der Bitte um Intervenierung und erhielt umgehend Antwort. Da die Auskunft aus Oppeln aus Sicht der AGMO e.V. keine alsbaldige zufriedenstellende Lösung erwarten ließ, wurden am 01.02.2010 zahlreiche Personen aus der Politik und Presse sowie Vertreter der deutschen Volksgruppe über die Problematik der Beendigung des zweisprachigen Unterrichtes in Ratibor-Studen per e-Post unterrichtet. Es gab bisher zahlreiche Antworten, Veröffentlichungen in den Medien, aber auch deutliche Proteste, wie aus Anrufen in der Geschäftsstelle der AGMO e.V. zu erkennen war.

Folgender Appell war zuvor an das deutsche Konsulat in Oppeln gerichtet worden: „Wie aus verlässlichen Informationen des DFK-Kreisverbandes Ratibor vom 25.01.2010 hervorgeht, wurde auf Veranlassung des Studener Schuldirektors der Betrieb der zweisprachigen Grundschule umgehend beendet und die Schule in eine normale polnische Schule umgewandelt. Zu den näheren Umständen um die zweisprachige Grundschule in Ratibor-Studen und deren Ende ist folgendes zu bemerken: Die Nachricht wurde auf ungewöhnlichem Wege den Kindern (!) vom Schuldirektor Jan Goldman am 15.01.2010 während eines "Appells in der Schule" mitgeteilt. Die Eltern wurden am 18.01.2010 informiert, daß für den 19.01.2010 eine Versammlung des Elternrates anberaumt worden sei, bei der sie über die Tatsachen unterrichtet wurden. Begründet wurde die "Streichung der zweisprachigen Unterrichtung" mit einer "Unvereinbarkeit mit den rechtlichen Vorschriften". Nähere Angaben zur Begründung und der Kollision mit rechtlichen Vorschriften liegen der AGMO e.V. bisher nicht vor. Die Änderung ist sofort wirksam geworden, d.h. der Umfang des Deutschunterrichtes wurde sofort reduziert. (…) Es verbleiben nur drei Wochenstunden Deutschunterricht. Bezüglich der Grundschule ist außerdem zu bemerken, daß vor einigen Jahren bereits eine Schließung beabsichtigt worden war, und daß sich die Eltern und Einwohner des Stadtteils Studen stark für den Erhalt sowie die Umwidmung in eine zweisprachige Grundschule eingesetzt hatten, auch durch ehrenamtliche Mitarbeit wie Renovierungsleistungen in Eigenregie. Bereits bei den früheren Widerständen war vom damaligen Stadtpräsidenten der Stadt Ratibor mit immer wieder neuen Gründen versucht worden, die Schule zu schließen bzw. eine zweisprachige Grundschule zu verhindern.“ Der AGMO-Vorsitzende hatte Konsul Neudorfer mit seiner Nachricht vom 29.01.2010 gebeten, sich der Angelegenheit anzunehmen und gegenüber den zuständigen Stellen vorstellig zu werden. Zielsetzung einer Intervention durch Konsul Neudorfer sollte sein, die mutwillige Schließung der einzigen zweisprachigen Grundschule im großen Bezirk Schlesien seitens der polnischen Behörden zum Nachteil der Kinder der deutschen Volksgruppe zu verhindern bzw. rückgängig zu machen.

Protestschreiben des Elternrates an den Schuldirektor

Der DFK-Vorstand in Ratibor-Studen bemüht sich um die Erhaltung der Schule und arbeitet eng mit den Eltern der Schüler und dem Elternrat zusammen. Der Elternrat hat am 24.01.2010 einen offiziellen Brief verfaßt und am 25.01.2010 im Rahmen einer Elternversammlung persönlich an Direktor Goldman übergeben. Das Schreiben (in Übersetzung der AGMO e.V.) lautet: „Betrifft: Weitere Tätigkeit der GS5 mit Zweisprachigen Sektionen. Handelnd auf Grundlage von Art. 54 des Gesetzes über das Bildungssystem vom 7. September 1991 mit späteren Änderungen, stellt der Elternrat einen Antrag auf die Absicherung der weiteren Tätigkeit der Schule mit zweisprachigen Sektionen, entsprechend des beigefügten offenen Briefes, der durch die Eltern der Klassen 1 bis 4 übergeben wurde. Wir bitten um eine Antwort, welche der Vorschriften der geltenden Gesetze geändert wurde und damit zu der entstandenen Situation führte. Im Zusammenhang mit fehlenden Informationen über eingeführte wesentliche Änderungen in der Tätigkeit der Schule bitten wir höflichst um:

  1. Schriftliche Antwort auf vorliegendes Schreiben und
  2. Vollständige Informationen über Änderungen der Schulstatuten, die zwischen September 2006 und Januar 2010 vorgenommen wurden sowie um die Beschlüsse der Lehrerkonferenz in Kopie.

Gleichzeitig möchten wir darauf aufmerksam machen, daß die Eltern bis heute über keine offizielle Nachricht verfügen. Der Vorstand des Elternrates ist der Meinung, daß das am 19.01.2010 stattgefundene Treffen nicht als Informationstreffen betrachtet werden kann, weil es mit einer eintägiger Frist einberufen wurde und nur die Elternvertretungen der einzelnen Klassen ( Anmerkung des Übersetzers: entspricht der Klassenpflegschaft in der Bundesrepublik ) dazu eingeladen worden sind, was für eine sehr eingeschränkte Teilnahme sorgte. Informationen, die während des Treffens unterbreitet wurden, sind auf unehrliche und tendenziöse Art und Weise übermittelt worden. Es hat den Anschein, als ob man bei diesem Treffen die Eltern mehr dazu überreden wollte die vorgeschlagenen Änderungen zu akzeptieren als die entstandene Situation zu erklären. Mitglieder des Elternrates (Unterschriften)“

Wie geht es weiter? – Korrektur der Entscheidung in Aussicht

Die Grundschule hatte Vorbildcharakter und war Vorzeigeprojekt für die ganze Region Schlesien. Deshalb wird der Erhalt dieser einzigen zweisprachigen Grundschule im Bezirk Schlesien nicht nur von der AGMO e.V. als vordringlich angesehen. Am 05.02.2010 fand inzwischen eine weitere Zusammenkunft in der Schule in Ratibor-Studen unter Beteiligung des Schuldirektors Goldman, des Elternrates, eines Vertreters des Stadtpräsidenten und des DFK Ratibor-Studen statt, bei der über die weitere Entwicklung, die positiv verlaufen sein soll, berichtet wurde. Demnach könnte der zweisprachige Unterricht zu möglicherweise verbesserten Bedingungen frühestens zum 1. März 2010 nach dem Ende der zweiwöchigen Winterferien wieder aufgenommen werden. Im Gespräch ist hierbei, daß „zweisprachige Schule“ Bestandteil des Schulnamens werden könnte. Sobald eine offizielle, schriftliche Aussage des Stadtpräsidenten zum Erhalt der einzigen zweisprachigen Grundschule im Bezirk Schlesien vorliegt, werden wir erneut über die aktuelle Entwicklung rund um die Beendigung oder Erhaltung der Zweisprachigkeit in Ratibor-Studen berichten.

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Die gemeinnützige Gesellschaft wurde 1980 als Arbeitsgemeinschaft Menschenrechtsverletzungen in Ostdeutschland (AGMO) gegründet.
Die AGMO e.V. wurde im Jahre 1990 in das Vereinsregister eingetragen.