Das neue „ZWEISPRACHIG“ – Vom für und wider heutiger Bilingualität

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Vor wenigen Tagen stießen wir mehr zufällig als nach gezielter Suche auf einen englischsprachigen Artikel, der sich mit einem merkwürdigen Phänomen in Wales befasst. Der Autor, Dr. Simon Brooks, seines Zeichens promovierter Linguist, Publizist und aktiver Streiter für die walisische Sprache, hinterfragt in prägnanten Worten den Sinn der heute allerorten in Regionen mit ethnischen und kulturellen Minderheiten und Volksgruppen praktizierten sog. „Zweisprachigkeit“. Zum englischsprachigen Originalartikel gelangen Sie hier: http://www.gaidhlig.tv/post/136328340532/tv-subtitles-and-the-strange-death-of-the-welsh.

„‘Zweisprachigkeit‘ ist nicht länger mehr ein Mechanismus durch den eine ‘Minderheitensprache’ an Rechten gewinnt. Vielmehr führt ‚Zweisprachigkeit‘ die Minderheit mehr und mehr an die anglophone Norm heran.“

Zweck, Sinn, Mittel – Der gegenteilige Effekt mancher Zweisprachigkeit

Seit jeher hat die AGMO e.V. die Zweckdienlichkeit der bezüglich der deutschen Volksgruppe in der Republik Polen praktizierten „Zweisprachigkeit“ hinterfragt. Uns hat bei der Lektüre unterschiedlichster Verlautbarungen und dem Studium der real-existierenden „zweisprachigen“ Gegebenheiten am Ort in Oberschlesien öfters ein merkwürdiges Gefühl beschlichen.

"Zweisprachig sein", Bildquelle: www.babbel.com

Die Zweisprachigkeit, so wie sie von Politik und Verbänden in den letzten Jahren gefördert wurde, passte nicht so recht zu dem Bild, das man sich von einer sprachlich und kulturell selbstständigen deutschen Volksgruppe in Ost-Mitteleuropa macht und wie man es aus Ungarn oder Rumänien kennt. Vielmehr nährte sich der Verdacht, dass hier über den Pfad der Zweisprachigkeit im Endeffekt die Mitglieder der deutschen Volksgruppe an die polnischsprachige Norm herangeführt werden sollten. So wie Dr. Brooks es für die Waliser in Großbritannien beschreibt.

Zweisprachiger Unterricht, von den rühmlichen Ausnahmen der Vereinsschulen von ‚Pro Liberis Silesiae‘, der Johann-Wolfgang-Goethe-Grundschule in Cosel-Rogau, der zweisprachigen Vorschulgruppe in Tworkau, der Grundschule Nr. 5 für die deutsche Minderheit in Ratibor-Studen und einigen anderen Einrichtungen einmal abgesehen, so wurde den Vertretern der AGMO e.V. von Lehrern, Eltern und Schülern immer wieder gesagt, sei häufig polnischer Unterricht mit Deutsch als erklärender Hilfssprache. Von muttersprachlichem Deutschunterricht einmal ganz zu schweigen. So trifft auch hier Dr. Brooks mit seinen Ausführungen zu der Lage in Wales den Nagel in Oberschlesien auf den Kopf. Ersetzen Sie beim Lesen folgender Textstelle „Wales“ und „Walisisch“ durch „Oberschlesien“ und „Deutsch“ sowie „Englisch“ durch „Polnisch“:

„Ein ‚zweisprachiges Wales‘ ist nicht länger ein Wales, in dem alle Bürger fähig sind die eine oder andere Sprache entsprechend ihrer persönlichen Entscheidung zu sprechen. Vielmehr ist es ein Wales, in dem niemand verpflichtet ist, Walisisch zu sprechen, aber dennoch jeder das Recht besitzt, an allen gesellschaftlichen Aktivitäten teilzunehmen. In der Praxis bedeutet das, dass Aktivitäten in der walisischen Sprache übersetzt werden müssen, ja zumeist selber reine Übersetzungen sind. Selbstverständlich müssen Begebenheiten in Englisch nicht zweisprachig [also auch auf Walisisch] sein, denn jedermann versteht ja Englisch.“

Geheimniskrämerei und ihre dramatischen Folgen

Die entsprechenden Folgen, die zugleich in dieser ausgesprochen schwierigen und vielschichtigen Gemengelage auch Ursachen sind, können in der 2011 veröffentlichten Studie des Hauses für deutsch-polnische Zusammenarbeit (HdpZ) in Gleiwitz nachgelesen werden. Bei den über 75-jährigen Deutschen im Bezirk Oppeln bezeichnen über 80 % die deutsche Sprache als ihre Muttersprache. Bei den zum Erhebungszeitpunkt (2009/2010) 35 bis 45-Jährigen, der Enkelgeneration waren es hingegen weniger als fünf Prozent (vgl. http://www.agmo.de/aktuelles/mitteilungen/103-deutsche-kindergaerten-und-grundschulen-notwendiger-denn-je).

Ortsschild Sank Annaberg, Bildquelle: privat

Dieses merkwürdige Verschwinden wird von einem nicht weniger merkwürdigen Verhalten mancher staatlicher Stellen begleitet. Zweisprachigkeit in Oberschlesien scheint ein politisch wohlgehütetes Geheimnis zu sein, zu dem nur Wenigen der Zugang gestattet wird. Im August 2011 begann man mit einem Projekt „Runder Tisch – Deutsch als Minderheitensprache“, dessen erste Runde in Oppeln stattfand und jedem Interessierten zugänglich war. Die zweite Runde im Januar 2012 fand bereits hinter verschlossenen Türen statt. Das Protokoll der öffentlichen August-Sitzung hingegen aufzutreiben war nahezu unmöglich. Mehrfache Anfragen an die dabei federführende Abteilung der deutschen Botschaft in Warschau wurden unter Verweis auf Dienstgeheimnisse abschlägig beantwortet (vgl. dazu http://www.agmo.de/aktuelles/mitteilungen/111-sprachlos-in-oberschlesien-und-das-geheimins-qminderheitenspracheq).

Mit ganzem und nicht nur mit halbem Herzen für die eigene Sprache

Halbherzigkeit und eine nicht selten inkonsequente praktische Umsetzung erschweren die Entstehung einer wirklichen Zweisprachigkeit zusätzlich. Hieß es vor 25 Jahren Deutsch sei die Muttersprache der Volksgruppe, wurde diese Muttersprache vor rund fünf bis zehn Jahren zur Minderheitensprache (die linguistisch keinesfalls dem Standard einer Muttersprache entspricht) und zuletzt zu einer bloßen Option („Identitätssprache“). Ist das die oberschlesische Version des Prozesses des „Verschwindens“ der Sprache einer Volksgruppe, den Dr. Simon Brooks für die walisische Sprache nicht trotz, sondern gerade aufgrund der „Zweisprachigkeit“ in Wales konstatiert?

„Das ist in der Tat ein merkwürdiger, seltsamer Tod der walisischen Sprache. Walisisch wurde durch eine neue Sprache ersetzt, ‚Zweisprachig‘ so heißt sie. Zwei Sprachen werden heute in Wales gesprochen: Englisch und Zweisprachig.“

Bundesbeauftragter Hartmut Koschyk MdB und VdG-Präsident Bernard Gaida,
Bildquelle: www.koschyk.de

Es bleibt zu hoffen, dass das mehrfache mündliche wie schriftliche Bekenntnis des Vorsitzenden des Verbandes der deutschen Gesellschaften in Polen (VdG), Bernard Gaida wie auch das schriftliche Bekenntnis der Bundesregierung in Person ihres Beauftragten für Aussiedler und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk MdB, aus dem Oktober 2014 – die Einrichtung deutscher Vor- und Grundschulen sei eines der wesentliche Ziele der deutsch-polnischen Rundtischgespräche – durchschlägt  und somit der deutschen Sprache als Muttersprache der deutschen Volksgruppe in der Republik Polen wieder die ihr gebührende Rolle zuwächst.

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