Dissertation zum Thema „Das deutsche Volk in Polen nach 1945“

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Vor einigen Monaten trat eine Doktorandin der Geschichte, Stipendiatin des Deutschen Historischen Instituts in Warschau und der Erich und Erna-Kronauer-Stiftung, an die AGMO e.V. heran und fragte, ob wir mit Informationen zu dem Thema ihrer Doktorarbeit behilflich sein könnten. Direkt war uns das zwar nicht möglich. Dennoch unterstützen wir jede Initiative die Geschichte der Deutschen in den Vertreibungsgebieten in Mittel- und Osteuropa wissenschaftlich aufzuarbeiten. So boten wir Teresa Willenborg an – sie ist Politikwissenschaftlerin und Historikerin an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität in Hannover – über Ihre Dissertationsschrift in AGMO-Intern zu berichten.

„Unbeschreiblich war die Wirrnis von Angst und Hoffnung, Zweifeln und Glauben, die die Menschen in dem Gebiet östlich von Oder und Neiße erfüllte. Im Grunde hatten die meisten von ihnen immer noch nicht den tiefen Umsturz begriffen, den das Ende dieses Zweiten Weltkrieges für Deutschland bedeutete“.(1)

Als im Januar 1945 die Rote Armee in Niederschlesien einzog, waren Gewalt und Vergewaltigungen an der Tagesordnung. Schutzlos war die deutsche Bevölkerung, der die Flucht nicht gelang, den Übergriffen russischer Soldaten ausgesetzt. Die ersten Anordnungen der russischen Kommandantur und der polnischen Behörden traten in Kraft. Alle deutschen Männer, Frauen und Kinder wurden zu Aufräumarbeiten, zur Beseitigung der Trümmer, zu Massenbeerdigungen der Toten gezwungen.

„Kinder während der Vertreibung aus Schlesien“
(Bildquelle: wikipedia.de)

Die rechtliche Grundlage für die Zwangsumsiedlung bildeten die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz. In der Sitzung des alliierten Kontrollrates für Deutschland am 20. November 1945 in Berlin wurde ein Aussiedlungsplan mit Zeitrahmen und ungefähren Zahlen der Aussiedler erarbeitet. Dem Aussiedlungsplan zufolge sollten ca. 3,5 Mio. Deutsche aus dem Gebiet des polnischen Staates in die sowjetische (2 Mio.) und britische (1,5 Mio.) Besatzungszone umgesiedelt werden. Bereits im Juli und August 1945 kam es zu „unorganisierten“ bzw. „wilden“ Vertreibungen der Deutschen aus Schlesien, die von den polnischen Behörden bis 1947 durchgeführt wurden. Die damalige Stimmung beschreibt eine Niederschlesierin folgendermaßen: „Wir verlassen unsere mit Blut und Tränen verteidigte Heimat. Wir haben es ja nie glauben wollen, dass wir unser liebes Neisser Land an Polen verlieren könnten! Was bleibt aus unserer Heimat? Bald wird man kein deutsches Wort mehr hier hören…“.(2)

Obwohl die polnischen Behörden die Vertreibung der Deutschen gezielt vorantrieben, war es im Interesse der polnischen Regierung, zugleich die wirtschaftliche Stabilität des neuen Staates aufrechtzuerhalten. Der polnische Außenminister Zygmunt Modzelewski sprach sich zwar am 10. April 1947 vor dem Sejm der Republik Polen(3) für die Ausweisung der Deutschen aus Polen aus, dennoch betonte er „Ein Deutscher voller Kraft und voll arbeitsfähig […] wird nicht zur Ausreise gezwungen, sondern muss sich erst das Recht zur Ausreise durch die Ausführung einer gewissen Summe von Arbeit für die Periode des Wiederaufbaus verdienen“.  Im Interesse der polnischen Regierung stand die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Stabilität in Schlesien im Vordergrund. Diesbezüglich wurde von dem polnischen Wirtschaftsministerium im Juli 1947 beantragt, die deutschen Arbeitskräfte von der Aussiedlung auszuschließen. Dabei handelte es sich um deutsche Fachkräfte, die vom polnischen Staat als dringend erforderlich eingestuft und in den „know-how-intensiven“ Wirtschaftszweigen - im Bergbau und in der Textilindustrie -  beschäftigt wurden. Allein in Niederschlesien und im Oppelner Schlesien benötigte man ca. 50.000 Fachkräfte, um die 400 größeren und 600 kleineren Textilfabriken am Laufen zu halten. Im Kreis Waldenburg wurden 15.000 Fachkräfte eingesetzt, um den hohen Arbeitskräftebedarf auszugleichen. Für die Ingangsetzung und Aufrechterhaltung der Produktion in der Kristallschleiferei in Niederschlesien benötigte man ca. 1000 deutsche Fachkräfte.

Der Existenzaufbau in Schlesien verlief unter erschwerten Bedingungen und hat die deutsche Bevölkerung vor große Herausforderungen gestellt „Viele von ihnen wurden aus ihrer eigenen Wohnung oder aus ihrem eignen Häuschen herausgeworfen. Es gab Fälle von Gewaltmaßnahmen, Lynchjustiz, Diebstählen und Diskriminierung […] Es sind Fälle bekannt, wo Arbeiter ohne Begründung eine schlechtere Arbeit zugewiesen erhielten. Viele gute Fachleute wurden nicht entsprechend ihren Kenntnissen eingesetzt. So mancher Deutsche wurde unberechtigterweise verhaftet, und manche mussten Gefängnisstrafen absitzen […] Viele alte Menschen entbehrten einer entsprechenden Sozialfürsorge und lebten in schwierigen materiellen Verhältnissen“.(4)

„Sonderbefehl zur Vertreibung der deutschen Zivilbevölkerung
aus Niederschlesien“ (Bildquelle: wikipedia.de)

Die Deutschen waren nicht nur Zeugen, dass ihr persönliches Eigentum beschlagnahmt wurde, sie haben auch miterlebt, wie die jahrhundertlange deutsche Geschichte erlosch und wie eine Polonisierung der sog. „wiedergewonnenen“ Gebiete in die unterschiedlichen Lebensbereiche drängte. Unterschiedlich verlief die staatlich gesteuerten Polonisierungs-politik in Nieder- und Oberschlesien. Der politische und gesellschaftliche Druck auf die deutschen Oberschlesier nahm nach 1945 deutlich zu. Die deutsche Bevölkerung in Oberschlesien wurde vom polnischen Staat als „germanisierte Polen“ deklariert und umfassenden „Polonisierungsmaßnahmen“ unterworfen. Im öffentlichen Leben kam es zum Verbot der deutschen Sprache, Gründungssperre für deutsche Zeitschriften, Beseitigung der Spuren deutscher Vergangenheit sowie zu Einschränkungen im kulturellen Leben.

Im Jahre 1950 hat sich der Status der deutschen Bevölkerung in Niederschlesien verbessert. Das Recht auf deutsche Sprache und deutschsprachige Schulen wurde ihnen im Rahmen der von der polnischen Regierung angekündigten Integration der Deutschen zuerkannt. Das Politbüro des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei erließ am 26.07.1950 eine Anordnung über die Gründung deutschsprachigen Schulen und Kindergärten in den Wojewodschaften Breslau, Stettin und Köslin. Die wenigen sozio-kulturellen Einrichtungen boten eine Möglichkeit die Bedürfnisse der deutschen Bevölkerung in Niederschlesien eingeschränkt zu verwirklichen sowie einen kommunikativen Austausch und die Aufrechterhaltung der deutschen Identität zu bewahren.(5)

Obwohl für die deutsche Restbevölkerung in Niederschlesien eine spürbare Verbesserung eingetreten war, war die Vorstellung von Zugehörigkeit zu einem heimisch-vertrauten Ort mit dem unvermeidbaren Gefühl fehlender Zugehörigkeit, von Fremdheit und Anderssein verbunden. Der antideutsche Druck war für viele Deutsche spürbar geblieben. Auf die Frage, warum 15 Jahre nach dem Kriegsende zahlreiche Deutsche ihre niederschlesische Heimat verlassen wollten, hörte man die gleiche Begründung „Weil wir in unserer angestammten Heimat von Fremden beherrscht wurden und ohne Recht waren, ist uns das Zuhause in der alten Heimat zerstört worden. Minderheitsrechte wurden uns nicht eingeräumt. Unsere Kinder konnten die deutsche Muttersprache in den Schulen nicht erlernen. Auch uns Älteren war es untersagt, deutsch zu sprechen…Alle, ob Bauern oder Fabrikarbeiter, wollen und konnten nicht mehr in der alten Heimat leben“.(6)

Das avisierte Promotionsvorhaben befasst sich mit den individuellen Schicksalen der deutschen Niederschlesier.  Gefragt wird: Wie haben die deutschen Niederschlesier die Nachkriegszeit in Polen erlebt?  Rekonstruiert werden Einstellungen, Mentalitäten sowie Selbst- und Situationsbeschreibungen der Reichsdeutschen, um deren Verhältnis zur Heimat, zum Deutsch-Sein auszuarbeiten.  Durch die Betrachtung „von unten“ wird die Prägekraft der Verbundenheit mit dem Vaterland und zugleich die (Zwangs)Anpassung an den polnischen Staat sichtbar. Vor dem Hintergrund dieses Spannungsverhältnisses ist die subjektive Bedeutung des Heimatverlustes mit den Auswirkungen auf das eigene Selbstbild zu konfrontieren.

Um die subjektive Dimension der Nachkriegszeit zu erforschen, werden Briefe, Tagebücher und Memoiren analysiert. Dabei sollen neben den relevanten Fragen nach sozialer Inklusion und Exklusion innerhalb der polnischen Mehrheitsgesellschaft, die subjektive Betrachtung der deutschen Niederschlesier (Erwartungen, Hoffnungen, Umbruchserfahrungen, Entwurzlungen) in den Blick genommen werden. Ergänzend zu den autobiographischen Dokumenten, die Aufschlüsse zu den erlebten Erfahrungen zur Zeit der Entstehung liefern, sind für die Aufarbeitung der individuellen Lebensgeschichten narrative Interviews relevant. Die zwölf Interviews, die in den Jahren 2014-2015 geführt wurden, erweitern den Blick auf die Nachkriegszeit aus der Perspektive des zeitgenössischen Umgangs der interviewten Personen mit ihren Erfahrungen.

Die vergessenen Schicksale der deutschen Niederschlesier werden im Kontext der deutsch-polnischen Nachkriegsgeschichte verortet. Ein Rückblick auf die Schlesische Tragödie, als einen Teil der gemeinsamen Erinnerungskultur, stellt siebzig Jahre nach dem Kriegsende immer noch ein schwieriges Unterfangen dar, was dem Umstand unterschiedlicher polnisch-deutscher Erinnerungsdiskurse geschuldet ist. Diese Arbeit soll zum deutsch-polnischen Dialog über die Vergangenheit anregen, indem die Sicht der deutschen Niederschlesier auf die Nachkriegszeit in den jeweiligen Erinnerungsdiskursen ihre Berücksichtigung findet.

1.Jürgen Thorn: Es begann an der Weichsel. S. 352.
2.Aus einem Brief an das DRK im Juli 1946.
3.Das polnische Parlament.
4.Bernhard Grund (1967): Das kulturelle Leben der Deutschen in Niederschlesien unter polnischer Verwaltung 1947 – 1958. S. 20. Zittert aus dem Referat des Genossen Leszczynski am 26.11.1956 im Waldenburger Parteihaus. Das abgedruckte Referat ist zu finden in „Arbeiterstimme“ Nr. 245 vom 1.12.1956.
5.Ebda, S. 121f. 
6.Freda von Loesch: Die Deutschen in den osteuropäischen Staaten. S. 51.

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